Eine Karte der Klänge von Tokio
Längst gilt sie als Spezialistin für elegante Melodramen: Die spanische Regisseurin Isabel Coixet. Mit ihrer neuen ungewöhnlichen Noir-Romanze „Eine Karte der Klänge von Tokio“, in der eine japanische Fischmarktverkäuferin aus Tokio ein Doppelleben als Auftragskillerin führt und sich prompt leidenschaftlich in ihr Opfer verliebt, wird die Katalanin erneut ihrem Ruf gerecht. Auch dieses Mal brilliert die Film-Poetin mit ihren ästhetischen Bildern und ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre und Stimmungen.
„Das ist ein sehr sinnlicher Wein“, erklärt David (Sergi Lopez) seiner Kundin. „Sinnlich,“ zweifelnd blickt die junge Frau zu ihm auf, „wie kann ein Wein sinnlich sein?“ „Alles kann sinnlich sein“, weiß der Spanier. Was der Weinhändler aus Barcelona freilich nicht ahnt als er seine neue Bekannte anschließend zum Abendessen einlädt. Die zierliche Ryu (Rinko Kikuchi) führt ein Doppelleben. Die unscheinbare Fischmarktverkäuferin verdingt sich hin und wieder als Profikillerin. Ihr neuer Auftrag: Die unnahbare Einzelgängerin soll ausgerechnet ihn aus dem Weg räumen. Ihr einziger Freund, ein Tonmann (Min Tanaka), zeichnet all ihre Gespräche auf. Aus dem Off erzählt der zurückhaltende ältere Mann die Geschichte dieser sich anbahnenden, tragisch, unmöglichen Liebesaffäre.
Als die Tochter des erfolgreichen Geschäftsmannes Nagara (Takeo Nakahara) Selbstmord begeht, glaubt der verzweifelte Vater den eigentlichen Schuldigen schnell gefunden zu haben: Ihr spanischer Freund David (Sergi Lopez), der Midori das Mädchen nicht genug geliebt hat. Nagaras Assistent Ishida (Hideo Sakaki) soll deshalb einen Killer auftreiben, der den Weinhändler zur Strecke bringt und Rache nimmt. Ishidas Wahl fällt auf Ryu. Doch die verliebt sich prompt in den impulsiven Spanier und erlebt mit ihm eine kurze Zeit des unbeschwerten Glücks.
Immer wieder geht es in Isabel Coixets Filmen um das Risiko von Beziehungen, Sprachlosigkeit und dem Mut zur offenen Kommunikation. Coixets junge Frauen werden aus ihrem gewohnten Lebenszusammenhang gerissen, erleben in Begegnungen mit teils wesentlich älteren Männern, gefährdete Zeiten des Glücks und versuchen sich in Doppelexistenzen wie Ryu. Die Abwesenheit der Liebe, Entfremdung und Vereinsamung das ist es, wovon das Melodram letztlich schmerzlich erzählt.
Komischerweise wirkt die Geschichte, dass eine Killerin auf dem Fischmarkt schuftet, nicht sofort unglaubwürdig. Das liegt nicht zuletzt an der zerbrechlich, unschuldig geheimnisvollen Ausstrahlung der 29jährigen Rinko Kikuchis. Das ehemalige Model verkörpert faszinierend eine Frauengestalt angesiedelt zwischen Björks „Dancer in the Dark“ und Wong Kar Wais „Fallen Angels“. Ohne sie und der bodenständigen Aura Sergi López bliebe Coixets Liebesdrama zu sehr konstruiert und arg artifiziell.
Doch die große Poetin des Filmischen brilliert auch dieses Mal mit ihren Bildern, ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre, Schönheit und den großen Themen Liebe und Tod. Aber es ist eine Schönheit in Traurigkeit. Mit außergewöhnlicher filmtechnischer Souveränität komponiert die Katalanin den inneren Kosmos, spürt seismografisch in langsam fließender Erzählweise den Befindlichkeiten ihrer Figuren nach. Ihr inszenatorisches Raffinement drängt sich nie selbstgefällig in den Vordergrund. Manchmal freilich wirken die melancholischen Monologe aus dem Off teilweise etwas unbeholfen gegenüber der ausgereiften, eigenwilligen Bildsprache.
Die Kamera führt, exzellent wie in allen ihren Filmen der Franzose Jean-Claude Larrieu. In scheinbarer Flüchtigkeit sammelt seine Kamera Fragmente von Augenblicken. Ihr Blick auf den sich verselbständigen Moloch Tokio ist phasenweise unruhig, findet keinen Halt in den Geometrien der urbanen Ordnung. In einem Moment wackelt die für kurze Sequenzen eingesetzte Handkamera, um im nächsten die Begegnung zwischen Mann und Frau als Moment absoluter Stille wahrzunehmen.
Auch wenn Coixet zunächst die üblichen stereotypen Ansichten von Tokio zeigt, wie den Fischmarkt, Tokyo Tower, Stadtansichten in Vogelperspektive und neonglitzernde Love Hotels gelingt es ihr trotzdem tiefer einzutauchen. Hinzu kommt, dass sie die Metropole durch Sounds und typische Alltagsgeräusche fast kartografiert sowie charakteristische Eigenheiten japanischer Lebensart aufzeigt: der metallisch harte Klang beim Zerhacken von Tunfisch oder das charakteristische Schlürfen, wenn jemand seine Nudelsuppe löffelt. Darüber hinaus bildet die Musikalität des Films ein ganz eigenes Kapitel. Die Bedeutung, die Musik dabei hat, und die Weise, wie die Sprache der Bilder, ihr Schnitt zu den Rythmen des Tangos, Bossa Novas, den Jazzliedern analog korrespondieren. Ein vergleichbares Gefühl für Licht, Farben und Rhythmus, all das, was den Schmelz des Kinos ausmacht, findet sich nicht oft. (Luitgard Koch)
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